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Silvester

Heute beginnt der Tag schwierig und wird zügig schwieriger. Das herrliche Kind hat Kummer, vermisst den Papa und das große Kind, außerdem die Therme. Er will zurück nach Österreich. Ich auch. Irgendwie will ich das ja auch immer. Erstmal. Zurück-kommen ist ein Projekt. Jedes Mal. Zur Ablenkung und weil wir müssen, gehen wir einkaufen. Es ist ein Alptraum. Überall Menschen. Die Schlange beim Bäcker staut bis auf die Straße. Alle kaufen absurd glasierte Faschingskrapfen. Die sie "Berliner" nennen. Widerlich sind die. Offensichtlich ein Must Have.  Während wir in der Schlange anstehen, höre ich wie eine sehr norddeutsche, empörte Fussgängerin und ein sehr norddeutscher, sendungsbewußter Radfahrer sich gegenseitig maßregeln wegen Blockieren des Radweges beziehungsweise Fahren auf der falschen Seite. Und es fällt mir schwer, die Moral der Truppe hoch zu halten. Sage zum herrlichen Kind, etwas lahm im Ton, dass es doch wirklich schön ist Zuhause, dass es doch auf jeden F...

Angekommen

Angekommen. Im Norden. Merkwürdig, wie immer, habe ich mich gefühlt auf dem Weg vom Flughafen zur Wohnung. Habe aus dem Fenster geguckt und versucht, mich heimisch zu fühlen. Habe mich nicht heimisch gefühlt. In Österreich sehe ich aus dem Fenster und bin am Zuhausesten. Wahrscheinlich eine Rührseligkeit. Ich habe dem herrlichen Kind ganz genau den Ablauf des heutigen Tages erklärt. Auch, dass wir als erstes aus dem Taxi steigen, der Vater dann das große Kind zu dessen Mutter bringt und dann in seine Wohnung zu den Katzen fährt. Das herrliche Kind hat "ok Mama" geantwortet. Ok. Ich hoffe, das ist es. Für ihn. Im Stiegenhaus vor unserer Wohnung sagt das Kind "Unser Hause!". Und ich kann besser atmen. Werde jetzt alles auspacken und aufräumen. Er hat nämlich Recht. Das hier ist unser Zuhause. Vielleicht nicht das einzige. Definitiv aber ein sehr gutes.

Vorletzter Tag

Das große Kind hat Magen Darm. Schläft viel, liegt im Bett. Sind vormittags zu dritt. Auch gut. Merke, wie mir der Thermen Trubel zu viel wird. Kann keine schlechten Tätowierungen auf teigigen Körpern in zu kleinen Badehosen mehr sehen. Es ist in Ordnung, morgen die Therme hinter uns zu lassen. Wir lernen einen weiteren Sohn der Partnerin meines Vaters kennen, ich mag ihn sofort. Wir reden viel miteinander heute. Der erste Austausch darüber, wie wir erwachsenen Kinder diese Beziehung und die Vervielfachung des Patchworks erleben. Das herrliche Kind taut auf, wird warm mit seinem Opa. Am vorletzten Tag. Es ist immer zu kurz. Morgen fliegen wir zurück. Reisetag. Ich bin nervös. Nicht weil wir fliegen. Sondern weil es schöne Ferien waren und ich befürchte, das Ankommen zu Hause könnte schwer werden für das herrliche Kind. Und wie immer will ein Teil von mir nicht weg aus Österreich. Trotz Hinterhof Hexenhaus. Werde ich niemals, nie, nie keine  Österreicherin meh...

Fragen und sich erreichen

Dieser Wind. Die ganze Zeit geht der Wind hier. Immer sehr stark. Manchmal noch stärker, in Böen. Er bläst und treibt und heult und rauscht. Wie Meeresrauschen. Nur unregelmäßig. Immer Bewegung und Unruhe in der Luft. Es ist schön mit der Familie. Die schöne Godi, mein Bruder, ihre Jungs, meine fein gewebte Schwester. Wir sind miteinander so vertraut, knüpfen an aneinander wie zuletzt. Mühelos. Der herzvolle Vater und das große Kind gehören dazu. Es ist gut. Bewegen uns selbstverständlich miteinander. Die selbe Sprache. Das Rudel. Zum ersten Mal treffen wir uns hier. Mein Vater baut sich etwas auf, gemeinsam mit seiner Partnerin. Dieses Hotel. Ihr gemeinsames Projekt. Wir sind Gäste, sind eingeladen, werden verwöhnt. Alles ist da und alles ist für uns Kinder zugänglich. Es ist etwas ganz anderes. Ein Neuanfang für die Beiden. Wir sind Besuch. Nicht Teil davon. Irgendwann werde ich mein herrliches Kind irgendwo besuchen und nicht mehr Teil davon sein. Vielleich...

Nachtrag

Wieder eingeschlafen mit dem Kind. Wir träumen beide viel. Ich träume wirr, emotional aufgeladen. Werde wach mitten in der Nacht. Draußen geht der Wind. Der Wind nimmt Anlauf und rüttelt die Bäume durch. Und nimmt wieder Anlauf. Ich habe das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Bin unruhig. Bin müde. Will mich erinnern.

Zäsur

Ich denke darüber nach, woher mein Bedürfnis nach Rückzug kommt. Andere Menschen haben ein Kind und eine Beziehung. Haben mehrere Kinder und eine Beziehung. Haben Kinder, Beziehung, Affäre und Freundeskreis. Ich habe nur ein Kind. Auch einen sozialen Beruf, eine Familie. Ich habe auch Freunde. Aber nach 20 Uhr habe ich kein Bedürfnis mehr nach Menschen und Austausch. Möchte alleine sein. Möchte nicht lieber alleine sein, sondern bitte dringend unbedingt. Für mich sein. Ist das normal? Mein Lehranalytiker sagt, ich verarbeite gerade Enttäuschung, Ernüchterung. Sagt, ich erkenne ein Muster und habe noch keine Idee, wie es anders sein könnte. Und deshalb ist gerade gar nichts, ich wäre deshalb nicht offen, nicht ins Außen orientiert. Ich denke, ich verarbeite noch immer die Tatsache, dass ich Mama geworden bin. Oder besser das, was es mit mir gemacht hat. Ich sammel die Teilchen auf innerlich. Weil ich, wie ich war, mir selbst um die Ohren geflogen bin. Das Muster in m...

Österreich ganz anders

Österreich. Ein ganz anderes Österreich als sonst. An der ungarischen Grenze. So viele Eindrücke heute. Das herrliche Kind hat eben wieder erbrochen, wir haben es rechtzeitig zur Dusche geschafft. Seit fast einer Woche erbricht er sich nachts oder am frühen Morgen, 1 bis 2 Mal. Tagsüber spielt er normal und isst er, wenn auch ein bißchen weniger als sonst. Kein Fieber. Vielleicht doch ein Virus. Oder die Aufregung? Aufregend ist es sehr, sehr. Sind geflogen und alles hat wunderbar geklappt. Ganz unkompliziert. Das herrliche Kind glücklich, weil wir alle zusammen sind. Das Kinderhotel übertrifft die Erwartungen. Es ist ein Traum. Spielen, baden, rutschen, herum rennen. Streichelzoo. Alpakas. Er war überwältigt. Ich bin überwältigt von den Eindrücken. Endlich die Familie wieder sehen nach 6 Monaten. Nach harten 6 Monaten. Und dieses Hotel kennenlernen, dieses Projekt. Eine neue Dimension Patchwork über die Kinder der Partnerin meines Vaters. Sie sind warmherzig, lus...

Weihnachten

Unser erstes Weihnachten in "unserer Situation". Morgen früh fahren wir zum Flughafen und fliegen zu meinem Vater und seiner Partnerin an die ungarische Grenze, in deren Kinderhotel. Treffen dort meine Geschwister, fast alle kommen, auch meine Stiefmutter kommt. Großfamilie. Wir bleiben 6 Tage. Gott sei Dank. Das brauchen wir. Ich bin nervös, Flugmitkindnervosität. Wie immer. Es lenkt ein bißchen ab. Von meiner Ratlosigkeit. Ich weiß auch nicht. Morgens habe ich dem herzvollen Vater eine Nachricht geschickt, dass ich nichts schaffe. Dass ich Hilfe brauche. Jetzt. Gleich. Das Kind war überdreht, hat nach der Kakao Flasche Saltos im Bett gemacht und natürlich alles voll gekotzt. Ich wollte eigentlich die letzten Päckchen fertig machen, aufräumen, das Badezimmer putzen. Stattdessen habe ich das Bett frisch bezogen, alles gewaschen, frisch bezogen, das Kind gewaschen, frisch angezogen. Und ihn zwischendurch auf dem Arm gehabt, weil er so kippelig war in der Stimmu...

Ich vermisse mich

Eingeschlafen mit dem herrlichen Kind. Was für ein Tag. Nichts geschafft. Bin hundemüde. Der herzvolle Vater kommt, wollte eigentlich mit dem Kind unterwegs sein, damit ich packen und aufräumen kann. Ist aber nicht mit dem Kind unterwegs. Ich schaffe nichts. Die Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld. Nichts ist gepackt. Die Geschenke sind nicht fertig, ich werde wohl morgen Vormittag nicht zur Post gehen können und mindestens zwei Pakete erst nach Silvester verschicken. Kein Drama. Nicht das, was ich wollte. Mein Plan hat anders ausgesehen. Es ist nicht so, dass ich gar nichts tun kann neben dem herrlichen Kind. Das kann ich. Aber sobald wir zu dritt sind, kann ich deutlich weniger zu Ende bringen. Fast nichts. Zu dritt sein ist anstrengend. Das Kind wird maximal anhänglich und fordernd. Ich schaffe es nicht, ihn von mir ab zu montieren und ihn weinend abzugeben in meiner Freizeit, weil wir das oft genug durchmachen, wenn es sein muss, weil ich zur Arbeit gehe. Al...

Leuchtet eben das Kind

Nachdem wir gestern den ganzen Tag und Abend zusammen waren, alle zusammen, ist heute Morgen nichts erledigt. Die To Do Liste. Liegt auf dem Küchentisch. Guckt vorwurfsvoll. Wir gehen am Vormittag trotzdem in den Zoo. Mit dem besten Freund vom herrlichen Kind und dessen Mama, der Lieben. Es ist eine Freude die Kinder zusammen zu sehen. Es ist so angenehm und unkompliziert und vertraut mit den beiden, als wären wir aus einem Stall. Mittags liege ich neben dem herrlichen Kind auf dem Bett und versuche mich zu sortieren. Ich muss bügeln, 4 Maschinen Wäsche waschen, den Koffer packen, Kekse backen, Geschenke fertig verpacken. Möchte Karten schreiben. Muss staubsaugen, das Badezimmer putzen. Altpapier weg bringen. Bügeln. Was zuerst? Was nehme ich bloß mit? Was soll ich eigentlich anziehen? Ich sehe überhaupt furchtbar aus. Zerknittert und fahl und gar nicht leuchtend. Muss also unbedingt auch noch mich renovieren. Ich bleibe liegen, neben mir schläft das Kind. Ich fi...