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Covid-19, Skizze #4

Ich kann nicht schlafen. Bin sehr müde. Meine Augen jucken, das sind die Pollen. Das herrliche Kind liegt neben mir und schnaubt. Er hat im Schlaf gerade "Mama" gesagt und ich habe ihm zwei Küsschens gegeben. Ich liebe ihn so sehr, so so sehr, heute besonders, jetzt gerade geradezu immens. Die Kohorte ist geschafft. 7 Dienste in 14 Tagen, der letzte war ein Nachtdienst. Ich habe 2 Stunden geschlafen. Auf dem Weg nach Hause hat mein Körper vibriert. So wie es innen in den Ohren vibriert, wenn man zu nahe an der Box getanzt hat im Club. Ein bißchen dröhnt es noch nach. Gerade genug, um nicht zu schlafen. Es war anstrengend. Aber machbar. Irgendwie sogar angenehm. Nur Notfall Versorgung und Konsile im Haus und auf der Intensivstation. Relativ kurze Kontakte. Überschaubar. Das Notwendigste. Situation einschätzen, Behandlung bahnen. Tschüss. Am Morgen nach dem letzten Dienst dann ein Konsil auf der Intensivstation. Ein Mann Mitte 20 verweigert die OP, ohne die er s...

Covid-19, Skizze #3

3 von 7 Diensten geschafft. Der erste war ruhig. Der zweite war durchschnittlich. Gestern bin ich zehn von zwölf Stunden  gerannt. Ein Patient nach dem anderen kommt in die Notaufnahme oder wird gebracht. Es ist die 4. Woche in Isolation. Leicht ist es für niemanden und für manche ist es unerträglich. Eine Patientin schneidet sich mit der Bastelschere den Hals auf. Weil sie die Isolation nicht mehr erträgt. Sie leidet unter einer Borderline Störung, hat also ohnehin Schwierigkeiten ihre Gefühle zu regulieren, gerät auch ohne Pandemie in große Anspannungs-Zustände, kann sich ohnehin nicht gut aushalten. Die Patientin ist noch immer angespannt als sie bei uns ankommt. Wir können sie nicht untersuchen, ohne sie fest zu halten. Um die Wunde zu versorgen, muss sie von 3 Männern vom Sicherheitsdienst und 2 Pflegern immer wieder aufs Bett gedrückt werden. Ich gebe mein Bestes, sie zu beruhigen. Zu ihr durch zu dringen. Sie lässt sich scheinbar auf ein Gespräch ein, reißt sich dann ...

Covid-19, Skizze #2

Heute ist Donnerstag. Jeden 2. Tag habe ich Dienst bis Mitte April. Ein neuer Dienstplan, um in Kohorten die Notaufnahme und das Haupthaus zu versorgen. Damit mögliche Ansteckungen die Kohorte betreffen, nicht alle. Möglichst. Das ist eine gute Maßnahme. Sinnvoll. Ich glaube, auch machbar. Es ist ruhig. Ich bin der 2. Dienst heute, der ist sowieso nochmal ruhiger. Ich warte, lese Literatur für die Facharztprüfung. Habe Zeit mit C. zu sprechen. Meiner wunderbaren Kollegin und Freundin. Die ein tiefes Wasser ist und ein knallblauer Himmel, die so unerschrocken liebevoll und offen ist. Das tut mir gut. Und erinnert mich daran, dass es Worte gibt, die. Es klar machen. Es gemeinsam machen. Gemeinsam ist wenig momentan. Häusliche Isolation, social distancing. Wir treffen uns hier in der Klinik, privat treffen wir niemanden. Der  Boypapa ist beim Kind. Ich bin jeden Tag noch dankbarer. Er ist ein wunderbarer Vater. Das Kind ist glücklich, hat sozusagen Ferien. Blüht auf. Mac...

Covid-19, Skizze #1

Seit gestern ist es angekommen. Im Alltag. Das Corona Virus. Die Kita hat zu. Die Schulen auch. Der Boypapa und ich teilen uns die Tage auf, wir sehen es gelassen, mehr Zeit für die Familie. Am Sonntag telefoniere ich mit meinem Bruder. Er ist Chirurg in Österreich, er sieht es nicht mehr gelassen. Erzählt, dass es pro Tag und Operateur nun einen Mundschutz gibt. Einen. Dass die Kliniken in unserer Stadt formal zu einer Klinik zusammen gelegt worden sind, Ärzte nun nach Bedarf hin und her eingeteilt werden. Dass es Schwierigkeiten gibt eine Blinddarmentzündung oder einen Herzinfarkt zu behandeln, weil Ärzte und Pflegepersonal krank sind, weil Material fehlt. Die Maßnahmen sind umfassend. Notstand, Versammlungsverbot, Ausgangssperre. Ich kann es nicht glauben. Frage hundert Mal "echt jetzt?", bin betroffen. Hier. Ist es nicht so. Hier ist alles so wie immer. Am Wochenende waren wir mit dem Bus im Zoo. Mein Bruder kann es nicht glauben "echt jetzt, spinnst du?...

Üben

Loslassen und Mich-Aussöhnen kann ich schlecht. Ich hafte. Und befühle den Stachel. Und zerdenke. Und bewahre. Und befühle den Stachel. Das erste Mal ganz und gar im Guten etwas losgelassen habe ich den Traum vom Leben mit dem herzvollen Vater. Jetzt leben wir unser Familienleben anders. Im Guten. Ich habe Freitag Nacht in seiner Wohnung übernachtet. Hatte gestern Dienst. Bin heute unglaublich müde und sehr alt. Es war traurig in seiner Wohnung. Vielleicht war auch einfach nur ich traurig in seiner Wohnung. Ich habe das herrliche Kind schrecklich vermisst und mein Hinterhof Hexenhaus und war sehr unglücklich mit der Aussicht auf einen Samstagsdienst. Die Wohnung ist groß und schön und klug eingerichtet. Aber nicht so heimelig. Ich wünschte, ich könnte. Für den herzvollen Vater. Damit er. Weiß noch nicht Mal, ob er das möchte, ob er das braucht. Kann schlecht auseinander halten aktuell. Wo ich aufhöre, jemand anderer anfängt. Das ist ein Zeichen, dringend Pause z...

Langsamer, mit weniger Worten

Ich werde vorerst vom täglichen Schreiben ein bißchen abweichen. Jedenfalls manchmal. Das Tempo ist anders. Meins. Irgendwie sammel ich mich gerade zusammen in mir. Muss nachdenken. Langsamer. Ruhiger. Mit weniger Worten. Will mich treiben lassen in meinen Gedanken. Will zu Ende denken, was seit Langem halbfertig geblieben ist. So wie ein Brotteig, der zugedeckt wird, damit er aufgeht. Das lässt sich manchmal nicht formulieren. Jedenfalls nicht jeden Tag. Draußen ist es mild und hell. Wir waren schwimmen, zu viert. Morgen sind wir zu zweit, das herrliche Kind und ich. Der Brotteig geht auf. Das Kind guckt Kinderfernsehen. Ich schneide ihm gleich ein bißchen die Haare. Bald gehen wir ins Bett. Ich lese gerade und gucke Dokus und eine Serie zu den Arktis und Antarktis Expeditionen im 19., 20. Jahrhundert. Es fasziniert mich. Diese Expeditionen in die totale Ungewissheit. Dieser Irrsinn. Freue mich auf meinen Abend.

Heute kann weg

Ich arbeite ohne Pause heute. Dann Abendessen mit dem herzvollen Vater und dem herrlichen Kind. Bin müde. Bin prämenstruell. Aufgeblähter Bauch. Bin hundemüde. Eine Kollegin, deren Kind jetzt 9 Jahre alt ist und die eine ähnliche Geschichte hat, erzähltmir heute, dass sie zwei Jahre lang außerhalb war. Damals. Müde bin ich. Und mein Hals tut weh, noch immer. Habe ich vielleicht dieses Virus, in einer milden Verlaufsform? Ich bin seit 4 Wochen nicht gesund. Ab ins Bett jetzt. Heute kann weg.

Frühfrühling

Die Sonne scheint ab Mittag in mein Wohnzimmer. Mein Wohn- / Esszimmer. Ich mache die Balkontüre auf und setze mich auf den Dielenboden. Im Hinterhof zwitschern Vögel. Vorne rauscht die Straße, gedämpft. Die Baustelle einen Block weiter höre ich auch, gedämpft. Sonne im Gesicht. Die Vögel. Die Sonne weiß noch, wie es geht. Anders als ich. Ich bin auf eine Art zum ersten Mal. Jeden Morgen begutachten das herrliche Kind und ich die Babyblätter an der Hecke. In ein paar Wochen werde ich die Balkonblumen pflanzen. Werde ich eine Palette und ein Palettenkissen anschaffen zum Drauf-Sitzen, Spielen, Dösen. Zum Lesen. Im Gesicht ist mir warm. Die Finger werden kalt. Ein bißchen noch zurückziehen, verstecken, Serie gucken, mit dem Kind einschlafen. Ein bißchen noch Winterschlaf. Und dann kommt wieder ein Sommer. Ich habe eine Steuerrückzahlung bekommen. Einen Teil davon investiere ich in Schuhe und Kleider. Zum ersten Mal überhaupt, glaube ich, denke ich dabei an niemanden...

Nachtrag 25.2.

Eine Auffrischung der Grippeschutz Impfung wird empfohlen im Bezug auf Corona. Mein Ambulanz Kollege sagt, eine Impfung hat er noch hier. Ich sage, ich will sie bitte haben. Auf die Frage, ob ich eh gesund sei, sage ich "na klar". Drei Stunden später habe ich ein Bläschen im Mund. Meinen Patienten sage ich immer, "die Nebenwirkung ist unser Freund, weil keine Wirkung ohne Nebenwirkung". Zuhause nehme ich Lysin. Ich fühle mich wie Frankenstein. Nehme ständig dies oder das und bleibe unverändert verrotzt, heiser, huste und bin grünlich-blass. Zum Schlafengehen noch eine Ibu gegen die Halsschmerzen. Whatever. Es kommt immer ein Sommer, hat mir Pater C. gesagt, der seit einem Tag und einem Jahr nicht mehr lebt. Ich denke an ihn beim Einschlafen. Zeit spielt keine Rolle. Wenn ich an ihn denke, ist er da.

Wieder Angina

Ich leuchte mit der Handytaschenlampe in meinen Rachen und sehe, dass ich wieder eine Angina habe. Kein Fieber. Keine Stippchen. Nehme Ibuprofen gegen die Schmerzen. Werde mich nicht krank melden. So richtig kann meine Arbeit nicht vertreten werden, würde liegen bleiben. Ich werde es mit Ibuprofen versuchen. Eventuell Penicillin dazu nehmen. Ich kann ja so und so nicht nur im Bett liegen. Die Therme geht wieder. Also, wieder warmes Wasser. Das herrliche Kind spricht heute plötzlich in 5 Wort Sätzen. Benutzt das Partizip Perfekt richtig. Hat nach dem Haare waschen die schönsten Locken der Welt. Es muss bitte schnell März werden und Frühling. Diese Viren, der Regen, die Kälte - das muss aufhören.